Der GROW-Spaziergang: 4 Fragen für mehr Klarheit
Manche Fragen werden nicht klarer, wenn wir länger über sie nachdenken. Wir drehen dieselben Gedanken im Kreis, wägen dieselben Argumente ab und landen immer wieder am gleichen Punkt.
Ein Ortswechsel kann helfen. Noch besser kann es sein, die Gedanken dabei ein wenig zu strukturieren.
Genau dafür eignet sich das GROW-Modell. Es gehört zu den bekanntesten Modellen im Coaching und führt in vier Schritten vom gewünschten Ziel über die aktuelle Situation und mögliche Wege bis zu einer konkreten nächsten Handlung.
Für diese Übung brauchst du keinen Schreibtisch und keine lange Vorbereitung. Nimm dir ungefähr 30 Minuten Zeit und geh eine Runde spazieren.
Der GROW-Spaziergang
Dauer: etwa 30 Minuten
Du brauchst: einen ruhigen Weg und optional dein Smartphone oder einen kleinen Notizblock für ein paar Stichworte.
Geeignet für: eine konkrete Frage, bei der du gerade nicht weiterkommst.
Was ist die GROW-Methode?
GROW ist ein Modell zur Strukturierung von Coachinggesprächen. Es wurde insbesondere durch Sir John Whitmore und sein Buch Coaching for Performance bekannt.
Die vier Buchstaben stehen für:
- G – Goal: Was möchte ich erreichen?
- R – Reality: Wie sieht meine Situation tatsächlich aus?
- O – Options: Welche Möglichkeiten habe ich?
- W – Will: Was werde ich konkret tun?
Das klingt zunächst einfach. Genau darin liegt eine Stärke des Modells. Es gibt Gedanken eine Reihenfolge, ohne dir die Antwort vorzugeben.
Bevor du losgehst: Nimm nur eine Frage mit
Versuche nicht, während eines Spaziergangs dein ganzes Leben zu sortieren. Wähle eine konkrete Frage, die dich gerade beschäftigt.
Zum Beispiel:
- Soll ich beruflich etwas verändern?
- Wie möchte ich nach dem Urlaub meinen Arbeitsalltag gestalten?
- Was möchte ich in einer bestimmten Beziehung verändern?
- Welches Projekt möchte ich endlich angehen?
- Wie treffe ich eine Entscheidung, die ich schon länger vor mir herschiebe?
Dann geh los.
Station 1: G wie Goal
Die wichtigste Frage lautet: Was möchtest du erreichen?
Wir beschäftigen uns häufig ausführlich mit dem, was uns stört. Für den ersten Abschnitt deines Spaziergangs wechselst du bewusst die Perspektive.
Frag dich:
- Was möchte ich stattdessen?
- Woran würde ich merken, dass sich etwas verbessert hat?
- Was davon kann ich selbst beeinflussen?
Versuche am Ende dieses Abschnitts, dein Ziel in einem einzigen Satz zu formulieren.
„Ich möchte …“
Station 2: R wie Reality
Jetzt geht es darum, möglichst nüchtern auf die aktuelle Situation zu schauen.
Nicht darauf, wie sie sein sollte. Nicht darauf, wer schuld ist. Sondern darauf, was gerade tatsächlich da ist.
Frag dich:
- Was passiert im Moment tatsächlich?
- Was funktioniert bereits?
- Was hindert mich daran, meinem Ziel näherzukommen?
- Was habe ich bisher versucht?
Eine zusätzliche Frage kann hilfreich sein:
Gerade diese Unterscheidung kann einen festgefahrenen Gedanken verändern.
Station 3: O wie Options
Jetzt darfst du Möglichkeiten sammeln.
Noch musst du dich für keine davon entscheiden. Das ist wichtig. Sobald wir jede Idee sofort bewerten, bleiben häufig nur die Lösungen übrig, die wir ohnehin schon kennen.
Frag dich:
- Was könnte ich tun?
- Was könnte ich noch tun?
- Welche Möglichkeit habe ich bisher ausgeschlossen?
- Was würde ich ausprobieren, wenn Scheitern kein Problem wäre?
- Was könnte ein sehr kleiner erster Schritt sein?
- Was passiert, wenn ich überhaupt nichts verändere?
Versuche mindestens fünf Möglichkeiten zu finden. Vernünftige, ungewöhnliche, kleine und große.
Bewerten kannst du sie anschließend.
Station 4: W wie Will
Bis hierhin hast du nachgedacht. Jetzt geht es um Handlung.
Was wirst du tatsächlich tun?
Nicht irgendwann. Nicht „eigentlich müsste ich“. Sondern möglichst konkret.
Frag dich:
- Welche der Möglichkeiten möchte ich verfolgen?
- Was ist mein nächster konkreter Schritt?
- Wann werde ich ihn gehen?
- Was könnte mich davon abhalten?
- Was brauche ich, damit ich es trotzdem tue?
Zum Abschluss
Beende deinen Spaziergang mit einem einzigen Satz:
„Mein nächster Schritt ist __________ und ich gehe ihn bis __________.“
Warum gerade im Urlaub?
Die GROW-Methode ist keine Urlaubsmethode. Sie funktioniert genauso am Schreibtisch, in einem Coachingraum oder bei einem Gespräch im Unternehmen.
Der Urlaub kann jedoch etwas bieten, das im Alltag manchmal fehlt: Abstand.
Termine, Routinen und gewohnte Rollen treten für eine Weile in den Hintergrund. Ein Spaziergang an einem unbekannten Ort kann deshalb ein guter Anlass sein, eine Frage einmal anders zu betrachten.
Dabei geht es nicht darum, im Urlaub zwanghaft Probleme lösen zu müssen. Vielleicht möchtest du einfach Urlaub machen. Auch das ist vollkommen in Ordnung.
Wenn dich eine Frage aber ohnehin begleitet, kannst du die freie Zeit nutzen, ihr für eine halbe Stunde bewusst Raum zu geben.
Und wenn nach 30 Minuten keine Antwort da ist?
Dann ist das kein gescheiterter Spaziergang.
Manche Fragen lassen sich nicht mit vier Fragen beantworten. Vielleicht merkst du sogar erst während der Übung, dass hinter deiner ursprünglichen Frage eine ganz andere steckt.
Auch das kann ein Ergebnis sein.
Selbstreflexion hat außerdem Grenzen. Wir alle haben blinde Flecken, wiederkehrende Denkmuster und Annahmen, die wir selbst nur schwer erkennen.
Ein professioneller Coach gibt dir deshalb nicht einfach eine bessere Antwort. Er kann Fragen stellen, Perspektiven öffnen, Widersprüche sichtbar machen und gemeinsam mit dir genauer hinschauen.
Coaching im Urlaub ausprobieren
HolidayCoaching verbindet professionelle Coachinggespräche mit der besonderen Situation einer Auszeit. Nicht als Pflichtprogramm für den Urlaub, sondern als Möglichkeit für Menschen, die den Abstand vom Alltag bewusst für eine persönliche oder berufliche Frage nutzen möchten.
Hinweis: Diese Übung dient der Selbstreflexion und ersetzt keine psychotherapeutische oder medizinische Behandlung. Bei psychischen Beschwerden oder akuten Krisen solltest du dich an entsprechend qualifizierte Fachpersonen wenden.
Häufig gestellte Fragen
Quellen
- Performance Consultants wurde von Sir John Whitmore mitgegründet. Die Organisation beschreibt das GROW-Modell mit den vier Elementen Goal, Reality, Options und Will und erläutert die Entwicklung und Anwendung des Modells.
- Das Imperial College London beschreibt die GROW-Methode als Struktur für Coachinggespräche und als Möglichkeit, eigene Themen systematisch zu reflektieren.