Welcher Weg ist deiner? Eine Naturcoaching-Übung für Entscheidungen
Manche Entscheidungen sind auf dem Papier längst durchdacht – und trotzdem kommen wir nicht weiter.
Wir kennen die Argumente. Wir haben Vor- und Nachteile abgewogen. Vielleicht haben wir sogar schon mit anderen darüber gesprochen. Und dennoch wechseln wir innerlich immer wieder zwischen den Möglichkeiten.
Für solche Situationen kannst du etwas ausprobieren: Nimm deine Entscheidung mit nach draußen.
Bei dieser Naturcoaching-Übung werden verschiedene Wege zu Stellvertretern für deine Möglichkeiten. Du musst dabei nichts erzwingen und am Ende auch keine Entscheidung getroffen haben. Es geht zunächst darum, deine Optionen einmal anders zu betrachten.
Für welche Entscheidungen eignet sich die Übung?
Am besten funktioniert sie bei einer Entscheidung zwischen zwei konkreten Möglichkeiten.
Zum Beispiel:
- Bleibe ich in meinem bisherigen Job oder suche ich etwas Neues?
- Nehme ich ein Angebot an oder lehne ich es ab?
- Starte ich ein bestimmtes Projekt oder lasse ich es?
- Verändere ich etwas – oder bleibt es vorerst, wie es ist?
Für Entscheidungen mit weitreichenden finanziellen, rechtlichen oder gesundheitlichen Folgen sollte eine solche Übung selbstverständlich nicht die notwendigen Informationen oder eine fachliche Beratung ersetzen.
Was du brauchst
- etwa 20 bis 30 Minuten Zeit,
- einen ruhigen Ort in der Natur,
- idealerweise eine Weggabelung oder zwei unterschiedliche Wege,
- eine Entscheidung mit zwei Möglichkeiten.
Eine spektakuläre Landschaft brauchst du nicht. Zwei Waldwege, Feldwege oder unterschiedliche Richtungen in einem Park reichen vollkommen aus.
Schritt 1: Formuliere deine beiden Möglichkeiten
Bevor du losgehst, versuche deine Entscheidung in zwei möglichst klare Sätze zu bringen.
Zum Beispiel:
Weg A: Ich bleibe in meiner jetzigen Position.
Weg B: Ich suche mir eine neue berufliche Aufgabe.
Vermeide dabei Formulierungen wie „der sichere Weg“ oder „der mutige Weg“. Damit würdest du deine Möglichkeiten bereits bewerten.
Es geht zunächst nur darum, beide Optionen möglichst neutral nebeneinanderzustellen.
Schritt 2: Gib jedem Weg eine Möglichkeit
Stell dich an eine Weggabelung und entscheide, welcher Weg für welche Möglichkeit stehen soll.
Die Zuordnung muss keinen tieferen Sinn haben.
Dann bleib einen Moment stehen.
Schau zunächst in Richtung des ersten Weges und anschließend in Richtung des zweiten. Beobachte, welche Gedanken auftauchen – ohne daraus sofort eine Schlussfolgerung zu ziehen.
Schritt 3: Geh den ersten Weg
Gehe nun einige Minuten auf Weg A.
Stell dir dabei nicht vor, wie du dich unmittelbar nach der Entscheidung fühlen würdest. Geh gedanklich etwas weiter.
Stell dir beispielsweise vor, deine Entscheidung liegt bereits sechs Monate zurück.
Frage dich:
- Wie sieht mein Alltag dann aus?
- Was habe ich durch diese Entscheidung gewonnen?
- Worauf habe ich möglicherweise verzichtet?
- Was gefällt mir an dieser Vorstellung?
- Was macht mich nachdenklich?
Achte zusätzlich darauf, was du körperlich wahrnimmst. Vielleicht verändert sich deine Atmung oder dein Tempo. Vielleicht bemerkst du Spannung oder Ruhe. Vielleicht passiert auch gar nichts Auffälliges.
Versuche nicht, diese Reaktionen sofort zu deuten. Nimm sie zunächst nur wahr.
Schritt 4: Geh zurück
Kehre anschließend bewusst zur Weggabelung zurück.
Dieser Schritt gehört zur Übung.
Du verlässt gedanklich die erste Möglichkeit wieder und stehst erneut dort, wo beide Optionen offen sind.
Nimm dir einen kurzen Moment, bevor du den zweiten Weg gehst.
Schritt 5: Geh den zweiten Weg
Nun gehst du einige Minuten auf Weg B.
Auch hier stellst du dir vor, dass die Entscheidung bereits einige Monate zurückliegt.
Nutze dieselben Fragen:
- Wie sieht mein Alltag aus?
- Was habe ich gewonnen?
- Worauf habe ich verzichtet?
- Was gefällt mir?
- Was macht mich nachdenklich?
Beobachte wieder Gedanken, Gefühle und körperliche Reaktionen, ohne daraus unmittelbar ein Urteil abzuleiten.
Schritt 6: Zurück an die Weggabelung
Geh ein zweites Mal zurück zum Ausgangspunkt.
Jetzt kennst du beide Wege ein kleines Stück.
Vielleicht fühlt sich eine Möglichkeit inzwischen klarer an. Vielleicht hat sich deine Einschätzung verändert. Vielleicht bist du genauso unentschieden wie vorher.
Auch das kann ein Ergebnis sein.
Denn manchmal besteht der nächste Schritt nicht darin, sofort eine Entscheidung zu treffen. Vielleicht bemerkst du stattdessen, dass dir noch eine Information fehlt oder dass hinter der vermeintlichen Entscheidung eigentlich eine andere Frage steckt.
Vier Fragen zum Abschluss
Bevor du weitergehst, kannst du dir vier Fragen stellen:
- Was habe ich auf einem der beiden Wege bemerkt, das mir vorher nicht bewusst war?
- Welche Befürchtung gehört tatsächlich zur jeweiligen Möglichkeit – und welche vielleicht grundsätzlich zu Veränderung?
- Welche Information brauche ich noch, bevor ich entscheiden kann?
- Was wäre mein nächster kleiner Schritt, ohne dass ich heute schon die endgültige Entscheidung treffen muss?
Warum die Natur dabei helfen kann
Die Weggabelung entscheidet selbstverständlich nicht für dich.
Der Nutzen der Übung liegt darin, eine abstrakte Entscheidung räumlich erfahrbar zu machen. Statt zwei Möglichkeiten ausschließlich im Kopf miteinander zu vergleichen, gehst du nacheinander ein Stück mit beiden.
Gleichzeitig verändert ein Spaziergang die Situation, in der du über deine Frage nachdenkst. Du sitzt nicht mehr vor derselben Liste oder demselben Bildschirm, sondern bewegst dich und nimmst deine Umgebung wahr.
Das kann einen anderen Blick auf eine festgefahrene Frage ermöglichen. Es garantiert ihn nicht.
Kopf und Bauch müssen keine Gegner sein
Vielleicht bemerkst du während der Übung auch körperliche Reaktionen. Das wird häufig vorschnell als „Bauchgefühl“ bezeichnet.
Solche Signale können interessant sein – sie sind aber keine automatische Antwort auf die Frage, welcher Weg richtig ist. Unruhe kann beispielsweise bedeuten, dass dir eine Möglichkeit nicht entspricht. Sie kann genauso gut entstehen, weil etwas neu oder ungewohnt ist.
Deshalb lohnt es sich, Körpersignale als zusätzliche Information zu betrachten und anschließend zu fragen, was dahinterstecken könnte.
Du musst dich am Ende nicht für einen Weg entscheiden
Bei dieser Übung geht es nicht darum, am Ende dramatisch an der Weggabelung zu stehen und intuitiv den „richtigen“ Weg einzuschlagen.
Vielleicht gehst du danach einfach nach Hause.
Und hast eine bessere Frage im Kopf als vorher.
Das kann für eine schwierige Entscheidung schon ziemlich viel sein.
Häufig gestellte Fragen
Quellen
- Oppezzo & Schwartz (2014): Studie zum Einfluss von Gehen auf kreatives Denken. In vier Experimenten zeigte sich, dass Gehen insbesondere die Entwicklung neuer Ideen fördern kann.
- Bratman et al. (2015): Studie zum Einfluss eines 90-minütigen Spaziergangs in der Natur. Die Teilnehmenden berichteten anschließend weniger Grübeln als nach einem Spaziergang in städtischer Umgebung.
- Dunn et al. (2010): Untersuchung zum Zusammenhang von Körperwahrnehmung, Emotionen und intuitiven Entscheidungen. Die Ergebnisse zeigen auch, warum Körpersignale nicht automatisch zu besseren Entscheidungen führen.