Wenn eine Stärke zu viel wird: Eine Naturcoaching-Übung für mehr Balance
„Ich bin eben so.“
Dieser Satz klingt nach Klarheit. Manchmal ist er aber auch eine ziemlich bequeme Erklärung.
Vielleicht bist du besonders zuverlässig. Du hältst Zusagen ein, denkst voraus und möchtest, dass andere sich auf dich verlassen können. Eine wunderbare Eigenschaft.
Bis du irgendwann alles selbst machst.
Oder du bist hilfsbereit. Du bemerkst schnell, wenn jemand Unterstützung braucht. Bis du deine eigenen Bedürfnisse regelmäßig hinten anstellst.
Vielleicht bist du spontan, gründlich, geduldig, unabhängig oder besonders verantwortungsbewusst.
Fast jede Stärke kann hilfreich sein. Und fast jede Stärke kann uns Schwierigkeiten bereiten, wenn wir sie im falschen Moment oder in einem unpassenden Maß einsetzen.
Für die folgende Übung brauchst du keinen Schreibtisch und keinen Seminarraum. Im Gegenteil: Suche dir einen ruhigen Ort draußen, an dem du dich frei bewegen kannst. Einen Waldweg, eine Wiese, einen Strand oder einen anderen Platz in der Natur, an dem du dich wohlfühlst.
Stärken haben keinen festen Lautstärkeregler
In der Forschung zu Charakterstärken wird nicht nur danach gefragt, welche Stärken ein Mensch besitzt. Interessant ist auch, ob eine Stärke in einer bestimmten Situation zu wenig, passend oder zu stark eingesetzt wird.
Man könnte es sich wie einen Lautstärkeregler vorstellen.
Mut kann zu leise eingestellt sein – dann halten wir uns vielleicht zurück, obwohl wir etwas sagen möchten. Er kann passend sein – dann sprechen wir trotz Unsicherheit etwas Wichtiges an. Und er kann sehr laut werden – dann handeln wir möglicherweise vorschnell.
Ähnlich verhält es sich mit vielen anderen Eigenschaften.
Draußen lässt sich dieses Mehr oder Weniger nicht nur denken. Du kannst ihm einen tatsächlichen Platz geben und dich zwischen den verschiedenen Möglichkeiten bewegen.
Die Naturcoaching-Übung: Finde den richtigen Platz für deine Stärke
Plane etwa 20 bis 30 Minuten ein. Nimm ein kleines Notizbuch und einen Stift mit und suche dir einen Ort, an dem du einige Meter ungestört gehen kannst.
Schau dich zunächst um.
Suche drei Naturgegenstände, die deine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das können Steine, Zapfen, Äste oder heruntergefallene Blätter sein. Bitte pflücke oder beschädige dafür nichts.
Lege die drei Gegenstände mit einigen Schritten Abstand voneinander auf den Boden.
Sie stehen für:
- zu wenig
- stimmig
- zu viel
Welcher Gegenstand für welchen Platz steht, entscheidest du intuitiv.
1. Welche Stärke nimmst du mit auf den Weg?
Überlege, welche Eigenschaft typisch für dich ist.
Zum Beispiel Hilfsbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein, Gründlichkeit, Humor, Unabhängigkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Vorsicht, Neugier, Geduld oder Spontaneität.
Nimm möglichst eine Eigenschaft, die du grundsätzlich an dir magst.
Denke nun an eine konkrete Situation, in der diese Eigenschaft gerade eine Rolle spielt. Vielleicht geht es um eine berufliche Entscheidung, einen Konflikt, eine Beziehung oder eine Veränderung, die dich beschäftigt.
Bevor du zu deinem ersten Gegenstand gehst, bleibe einen Moment stehen und nimm deine Umgebung wahr. Was siehst du? Was hörst du? Wie fühlt sich der Boden unter deinen Füßen an?
Dann beginne.
2. Gehe zum Platz „zu wenig“
Gehe langsam zu dem Naturgegenstand, der für „zu wenig“ steht.
Stell dir vor, du würdest deine gewählte Stärke in deiner konkreten Situation deutlich weniger einsetzen als normalerweise.
Wenn du beispielsweise sehr verantwortungsbewusst bist, könntest du dir vorstellen, einen Teil der Verantwortung bewusst abzugeben.
Bleibe an diesem Platz stehen.
Schau dich um. Lass deinen Blick ruhig wandern.
Was verändert sich, wenn du deine Stärke zurücknimmst?
Was fühlt sich erleichternd an?
Was macht dich unruhig?
Was könnte dadurch möglich werden?
Und was würde tatsächlich fehlen?
Vielleicht fällt dir in deiner Umgebung etwas auf, das zu deinen Gedanken passt. Ein Baum, der sich im Wind bewegt. Ein schwerer Stein. Ein freier Weg. Ein umgestürzter Stamm.
Du musst darin keine Botschaft suchen. Nimm einfach wahr, welche Verbindung dein Kopf von selbst herstellt.
3. Gehe zum Platz „zu viel“
Verlasse deinen ersten Standort und gehe langsam zum gegenüberliegenden Naturgegenstand.
Während du gehst, stell dir vor, du würdest deine Stärke immer weiter aufdrehen.
Noch gründlicher. Noch hilfsbereiter. Noch unabhängiger. Noch geduldiger. Noch kontrollierter.
Am zweiten Platz darfst du ruhig ein wenig übertreiben.
Was passiert dann?
Ab welchem Punkt hilft dir die Eigenschaft nicht mehr?
Was kostet sie dich?
Was könnte sie andere kosten?
Und vielleicht die interessanteste Frage:
Wovor schützt dich diese übertriebene Form deiner Stärke?
Bleibe noch einen Moment dort. Schau dich wieder bewusst um.
Was fällt dir von diesem Standort aus auf, das du vorher nicht gesehen hast?
4. Geh deinen eigenen Weg dazwischen
Jetzt wird es interessant.
Gehe langsam vom „zu viel“ in Richtung „zu wenig“.
Bleibe nicht automatisch bei dem Naturgegenstand stehen, den du vorher für „stimmig“ ausgewählt hast.
Gehe einige Male vor und zurück.
Langsam.
Beobachte dabei, ob es einen Punkt gibt, an dem sich etwas verändert. Vielleicht werden deine Gedanken klarer. Vielleicht verändert sich deine Körperhaltung. Vielleicht möchtest du einfach spontan stehen bleiben.
Genau dort bleibst du.
Der passende Punkt muss nicht in der Mitte liegen.
In einem wichtigen Gespräch kann beispielsweise deutlich mehr Mut sinnvoll sein als sonst. Bei einer komplizierten Entscheidung kann mehr Vorsicht hilfreich sein. Und manchmal besteht die passende Dosierung von Hilfsbereitschaft darin, gerade einmal nicht zu helfen.
Schau dich von deinem selbst gewählten Platz aus noch einmal um.
Und vervollständige diesen Satz:
„In dieser Situation möchte ich meine __________ so einsetzen, dass …“
Notiere deine Antwort.
Nimm etwas von deinem Platz mit
Bevor du weitergehst, suche in unmittelbarer Nähe deines gewählten Standorts nach etwas, das dich an deine Erkenntnis erinnert.
Vielleicht ist es ein kleiner Stein, ein bereits abgefallenes Blatt oder ein Stück Rinde. Wenn du den Gegenstand mitnehmen darfst und der Natur damit nicht schadest, kann er dich in den nächsten Tagen an deinen Satz erinnern.
Du kannst ihn aber genauso gut liegen lassen und ein Foto davon machen.
Entscheidend ist nicht der Gegenstand selbst, sondern das, wofür er für dich steht.
Aus der Erkenntnis wird ein kleines Experiment
Zum Abschluss gehst du noch ein paar Minuten weiter.
Du musst dabei nichts mehr analysieren.
Nimm lediglich eine Frage mit:
Was würde ich in den nächsten sieben Tagen einmal anders machen, wenn ich meine Stärke etwas passender dosieren würde?
Mach daraus möglichst etwas Kleines und Beobachtbares.
Nicht:
„Ich möchte weniger perfektionistisch sein.“
Sondern beispielsweise:
„Die nächste Präsentation schicke ich ab, wenn sie gut genug ist, ohne sie ein viertes Mal zu überarbeiten.“
Oder statt:
„Ich muss besser Grenzen setzen.“
konkreter:
„Bei der nächsten Bitte sage ich nicht sofort zu, sondern nehme mir erst etwas Bedenkzeit.“
Und was ist mit deinen vermeintlichen Schwächen?
Bei einem späteren Spaziergang kannst du die Übung umdrehen.
Nimm dann eine Eigenschaft, die du an dir eher kritisch siehst: vielleicht Ungeduld, Vorsicht, Eigensinn, Zurückhaltung oder ein starkes Kontrollbedürfnis.
Statt sie loswerden zu wollen, frage dich:
In welcher Situation könnte genau diese Eigenschaft nützlich sein?
Vorsicht kann vor einer vorschnellen Entscheidung schützen. Ungeduld kann anzeigen, dass etwas endlich verändert werden sollte. Eigensinn kann dabei helfen, einen wichtigen eigenen Standpunkt nicht sofort aufzugeben.
Das bedeutet nicht, jede Verhaltensweise schönzureden.
Es bedeutet, genauer hinzusehen.
Es geht nicht um die perfekte Mitte
Die Forschung zu Charakterstärken unterscheidet zwischen Untergebrauch, Übergebrauch und einem zur Situation passenden Gebrauch einer Stärke.
Entscheidend ist der Kontext. Eine Stärke kann in einer Situation genau richtig und in einer anderen unpassend dosiert sein.
Vielleicht passt dazu die Natur besonders gut. Auch dort bedeutet Gleichgewicht schließlich nicht, dass überall gleich viel von allem vorhanden sein muss.
Am Ende deines Weges bleibt deshalb nur eine Frage:
„Welche Seite von mir brauche ich gerade – und wie viel davon?“
Manchmal lohnt es sich, mit dieser Frage noch ein Stück weiterzugehen.
Hinweis: Diese Übung dient der Selbstreflexion und ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung. Wenn eine Übung starke oder belastende Gefühle auslöst, musst du sie nicht fortsetzen.
Häufig gestellte Fragen
Quellen
- Niemiec, R. M. (2019): Finding the golden mean: the overuse, underuse, and optimal use of character strengths. Counselling Psychology Quarterly, 32(3–4), 453–471.
- Freidlin, P., Littman-Ovadia, H. & Niemiec, R. M. (2017): Positive psychopathology: Social anxiety via character strengths underuse and overuse. Personality and Individual Differences, 108, 50–54.
- McGrath, R. E., Niemiec, R. M. & Westrich, B. (2025): The Golden Mean Inventory: A new approach to studying character strengths imbalances across contexts. Personality and Individual Differences, 234, 112951.
- Coventry, P. A. et al. (2021): Nature-based outdoor activities for mental and physical health: Systematic review and meta-analysis. SSM – Population Health, 16, 100934.