Berufliche Neuorientierung im Urlaub: Warum Abstand neue Perspektiven schafft
Eigentlich wolltest du im Urlaub nicht über die Arbeit nachdenken. Und dann sitzt du morgens mit einem Kaffee auf dem Balkon, gehst am Meer entlang oder wanderst durch die Berge – und plötzlich ist sie da, diese Frage:
Will ich beruflich wirklich so weitermachen?
Eine Neuorientierung im Urlaub beginnt oft genau in solchen Momenten. Wenn Termine, E-Mails und der tägliche Arbeitsrhythmus für eine Weile verschwinden, entsteht Abstand. Und mit diesem Abstand verändert sich manchmal der Blick auf den eigenen Beruf.
Das bedeutet nicht, dass du nach dem Urlaub sofort kündigen solltest. Im Gegenteil. Berufliche Neuorientierung beginnt oft nicht mit einer Bewerbung, sondern mit einer viel grundsätzlicheren Frage: Was soll eigentlich anders werden?
Warum Neuorientierung im Urlaub oft leichter fällt
Im Arbeitsalltag beschäftigen uns meist die Dinge, die unmittelbar erledigt werden müssen. Das nächste Meeting. Eine schwierige Kundin. Ein Projekt, das fertig werden soll. Eine Entscheidung, die keinen Aufschub duldet.
Für Fragen wie „Will ich das eigentlich noch?“ bleibt erstaunlich wenig Raum.
Im Urlaub verändert sich diese Situation. Der unmittelbare Handlungsdruck nimmt ab. Der gewohnte Arbeitsplatz ist weit weg, Routinen werden unterbrochen und der Tag sieht anders aus.
Die Arbeitspsychologie spricht in diesem Zusammenhang von psychologischer Distanzierung von der Arbeit. Gemeint ist damit nicht nur, dass wir nicht im Büro sitzen. Entscheidend ist, ob wir auch mental für eine Weile Abstand von der Arbeit gewinnen.
Die Arbeitspsychologin Sabine Sonnentag und ihre Kollegen haben diesen Zusammenhang in zahlreichen Untersuchungen betrachtet. Die Forschung zeigt, dass psychologisches Abschalten von der Arbeit eng mit Erholung und Wohlbefinden verbunden ist.
Genau dieser Abstand kann noch einen weiteren Effekt haben: Wir betrachten Dinge, die uns im Alltag selbstverständlich erscheinen, plötzlich aus einer anderen Perspektive.
Urlaub schafft Abstand – aber nicht automatisch eine Antwort
Eine Meta-Analyse der Forscherin Jessica de Bloom und ihrer Kollegen untersuchte verschiedene Studien zur Wirkung von Urlaub auf Gesundheit und Wohlbefinden. Insgesamt zeigten sich positive Effekte während und unmittelbar nach dem Urlaub. Allerdings verschwanden diese Effekte nach der Rückkehr in den Arbeitsalltag relativ schnell wieder.
Das ist für berufliche Neuorientierung interessant.
Denn vielleicht kennst du das: Im Urlaub nimmst du dir fest vor, nach der Rückkehr etwas zu verändern. Drei Wochen später sitzt du wieder zwischen Terminen, E-Mails und Verpflichtungen – und alles läuft weiter wie vorher.
Deshalb kann es sinnvoll sein, die Gedanken, die während einer Auszeit auftauchen, ernst zu nehmen. Nicht als Aufforderung zu einer spontanen Kündigung. Sondern als Hinweis darauf, genauer hinzuschauen.
Unzufrieden im Job heißt nicht automatisch: Ich brauche einen neuen Job
Wer im Urlaub merkt, dass er eigentlich nicht zurück zur Arbeit möchte, kommt schnell zu einem scheinbar logischen Schluss:
Ich muss den Job wechseln.
Vielleicht stimmt das. Vielleicht aber auch nicht.
Berufliche Unzufriedenheit kann sehr unterschiedliche Ursachen haben. Vielleicht gefällt dir deine Tätigkeit grundsätzlich, aber die Arbeitsbedingungen passen nicht mehr. Vielleicht fehlt Anerkennung. Vielleicht möchtest du mehr Verantwortung – oder deutlich weniger davon.
Vielleicht stimmt die Beziehung zur Führungskraft nicht. Vielleicht hat sich das Unternehmen verändert. Vielleicht haben sich aber auch deine eigenen Prioritäten verändert.
Und manchmal ist der Beruf nur der Ort, an dem eine viel grundsätzlichere Unzufriedenheit sichtbar wird.
Bevor du also Stellenanzeigen öffnest, lohnt sich eine andere Frage:
Was genau möchte ich eigentlich verändern?
Fünf Fragen für die berufliche Neuorientierung im Urlaub
Du brauchst dafür keinen detaillierten Karriereplan. Nimm dir etwas Zeit und beantworte zunächst diese fünf Fragen möglichst spontan:
- Was an meiner derzeitigen Arbeit möchte ich unbedingt behalten?
- Was kostet mich momentan am meisten Kraft?
- Was fehlt mir in meinem Berufsleben?
- Wann hatte ich zuletzt das Gefühl, beruflich genau am richtigen Platz zu sein?
- Was müsste sich verändern, damit ich nach dem Urlaub gerne wieder zur Arbeit gehe?
Gerade die letzte Frage ist interessant.
Denn wenn dir darauf konkrete Veränderungen einfallen, muss die Lösung nicht zwingend eine Kündigung sein. Vielleicht gibt es Möglichkeiten innerhalb deines Unternehmens, die du bisher nicht ernsthaft betrachtet hast.
Wenn dir dagegen überhaupt nichts einfällt, lohnt es sich möglicherweise, die Frage nach einer grundsätzlicheren beruflichen Neuorientierung weiterzuverfolgen.
Warum ein Spaziergang manchmal hilfreicher ist als eine Excel-Tabelle
Berufliche Entscheidungen verführen dazu, sofort Listen anzulegen: Gehalt, Entfernung, Karrierechancen, Arbeitszeit, Homeoffice, Sicherheit.
Solche Kriterien sind wichtig. Aber sie helfen vor allem dann, wenn du bereits weißt, wonach du suchst.
In einer frühen Phase der Neuorientierung kann etwas anderes sinnvoll sein: nicht permanent nach einer Lösung zu suchen.
Forschung zur sogenannten Inkubation zeigt, dass eine Pause von einem Problem kreatives Denken unterstützen kann. In einer Studie von Benjamin Baird und Kollegen verbesserten sich die Leistungen bei kreativen Aufgaben besonders nach einer einfachen Tätigkeit, bei der die Gedanken abschweifen konnten.
Das bedeutet natürlich nicht, dass ein Spaziergang automatisch die richtige Karriereentscheidung hervorbringt. Aber es spricht dafür, nicht jede freie Minute mit bewusster Problemlösung zu füllen.
Ein langer Spaziergang, eine Wanderung oder einfach eine Stunde ohne Smartphone können deshalb eine überraschend produktive Form des Nachdenkens sein.
Natur kann dabei mehr sein als eine schöne Kulisse
Viele Urlaubsorte bieten etwas, das im Arbeitsalltag oft fehlt: Natur.
Auch dafür gibt es interessante Forschung. Gregory Bratman und Kollegen von der Stanford University ließen Studienteilnehmer 90 Minuten entweder durch eine natürliche Umgebung oder durch eine städtische Umgebung gehen. Nach dem Spaziergang in der Natur berichteten die Teilnehmer weniger Grübeln. Dieser Effekt zeigte sich in der Stadtgruppe nicht.
Aus einer einzelnen Studie sollte man keine Wunderwirkung der Natur ableiten. Sie passt aber zu einer größeren Forschungsrichtung, die untersucht, wie natürliche Umgebungen Aufmerksamkeit, Stress und psychisches Wohlbefinden beeinflussen können.
Für die berufliche Neuorientierung ist das ein guter Grund, das Nachdenken nicht unbedingt am Laptop im Hotelzimmer stattfinden zu lassen.
Eine einfache Übung: Drei Listen statt eines Karriereplans
Wenn dich im Urlaub berufliche Fragen beschäftigen, probiere eine einfache Übung aus.
Nimm drei Seiten in einem Notizbuch oder drei Blätter Papier.
1. Das soll bleiben
Schreibe alles auf, was du an deinem bisherigen Berufsleben nicht verlieren möchtest. Das können Aufgaben sein, Menschen, Einkommen, Sicherheit, Flexibilität, Verantwortung oder bestimmte Fähigkeiten, die du gerne einsetzt.
2. Das soll verschwinden
Was möchtest du möglichst nicht mehr erleben? Dauernde Erreichbarkeit? Führung? Schichtarbeit? Lange Fahrzeiten? Konflikte? Unterforderung? Überforderung?
3. Das fehlt mir
Hier wird es besonders interessant. Was würdest du gerne häufiger erleben? Gestaltungsspielraum? Sinn? Ruhe? Kreativität? Kontakt zu Menschen? Verantwortung? Lernen? Zeit?
Versuche anschließend nicht sofort, daraus einen neuen Beruf abzuleiten.
Leg die Listen weg.
Schau sie dir am nächsten oder übernächsten Urlaubstag noch einmal an. Ergänze, streiche und markiere die Punkte, die dir besonders wichtig erscheinen.
Das Ziel ist zunächst nicht, eine Entscheidung zu treffen. Das Ziel ist, die richtige Frage zu finden.
Mach aus deinem Urlaub kein Karriereprojekt
Wer beruflich unzufrieden ist, kann auch im Urlaub sofort wieder in den Leistungsmodus wechseln: Stellenbörsen durchsuchen, Lebenslauf überarbeiten, Unternehmen recherchieren, Bewerbungen schreiben.
Das kann irgendwann sinnvoll sein.
Aber vielleicht nicht am ersten Urlaubstag.
Erholung ist kein verlorener Zeitraum auf dem Weg zum nächsten Job. Eine Meta-Analyse zur Urlaubswirkung zeigt, dass Urlaub grundsätzlich positive Effekte auf Gesundheit und Wohlbefinden haben kann. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen zur psychologischen Distanzierung, wie wichtig es ist, gedanklich tatsächlich von der Arbeit loszukommen.
Gönn dir deshalb zunächst die Auszeit.
Eine berufliche Neuorientierung muss nicht bedeuten, dass du deinen Urlaub in ein Bewerbungstraining verwandelst.
Wann ein Gespräch hilfreicher sein kann als weiteres Nachdenken
Abstand hilft. Aber Abstand löst nicht jedes Problem.
Manche Gedanken drehen sich auch am Strand im Kreis.
„Eigentlich müsste ich gehen.“
„Aber vielleicht ist es woanders genauso.“
„Ich verdiene eigentlich gut.“
„Aber noch fünf Jahre halte ich das nicht aus.“
„Vielleicht verlange ich einfach zu viel.“
Gerade dann kann ein Gespräch mit einer neutralen Person hilfreich sein.
Ein gutes Coaching nimmt dir die Entscheidung nicht ab. Ein Coach sollte dir auch nicht erklären, dass du kündigen musst oder unbedingt bleiben solltest.
Coaching kann vielmehr dabei helfen, Gedanken zu sortieren, Annahmen zu hinterfragen, Möglichkeiten sichtbar zu machen und aus einem diffusen „So kann es nicht weitergehen“ konkrete Fragen zu entwickeln.
Warum Coaching im Urlaub interessant sein kann
Für Coaching zur beruflichen Neuorientierung musst du nicht zwangsläufig eine spezielle Coaching-Reise buchen.
Du kannst deinen Urlaub ganz normal verbringen – und ein einzelnes Coaching-Gespräch integrieren.
Gerade die Kombination kann interessant sein: Du bist bereits aus deinem gewohnten Umfeld heraus, hast mehr Zeit als sonst und musst nach dem Gespräch nicht direkt zurück ins nächste Meeting.
Vielleicht findet das Gespräch bei einem Spaziergang statt. Vielleicht draußen in der Natur oder an einem ruhigen Ort am Urlaubsziel.
Danach bleibt Zeit.
Zeit zum Weiterdenken. Oder auch zum Nichtdenken.
Genau das unterscheidet Coaching im Urlaub von einem zusätzlichen Termin zwischen zwei Arbeitstagen.
Du musst im Urlaub keine Entscheidung treffen
Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke.
Wenn du im Urlaub plötzlich merkst, dass beruflich etwas nicht mehr passt, musst du nicht mit einem fertigen Karriereplan nach Hause fahren.
Es reicht zunächst, genauer zu verstehen, was dich beschäftigt.
Vielleicht lautet die Antwort tatsächlich: Ich brauche einen neuen Job.
Vielleicht lautet sie: Ich möchte mit meinem Arbeitgeber über meine Rolle sprechen.
Vielleicht möchtest du weniger arbeiten, eine Führungsaufgabe übernehmen, Verantwortung abgeben, dich selbstständig machen oder noch einmal etwas völlig Neues lernen.
Und vielleicht stellst du fest, dass die Veränderung an einer ganz anderen Stelle beginnen muss.
Urlaub kann dafür etwas Wertvolles schaffen, das im Alltag selten geworden ist:
Abstand.
Was du mit diesem Abstand machst, entscheidest du selbst.
Du möchtest deine beruflichen Gedanken während deines Urlaubs mit einer neutralen Person sortieren? Bei HolidayCoaching findest du Coaches, die Coaching dort anbieten, wo du gerade Urlaub machst.
Häufig gestellte Fragen
Quellen
- de Bloom, J. et al. (2009): Do We Recover from Vacation? Meta-analysis of Vacation Effects on Health and Well-being. Journal of Occupational Health, 51(1), 13–25. Meta-Analyse zu den Auswirkungen von Urlaub auf Gesundheit und Wohlbefinden sowie zur Dauer
- Sonnentag, S. & Fritz, C. (2015): Recovery from job stress: The stressor-detachment model as an integrative framework. Journal of Organizational Behavior, 36, S72–S103. Überblick über die Forschung zur psychologischen Distanzierung von der Arbeit und ihre
- Pereira, D., Hächler, P. & Elfering, A. (2017): Recovery experiences during vacation and their association with job stressors and health. Escritos de Psicología, 10(1), 13–30. Studie zum Zusammenhang zwischen Arbeitsbelastungen, Entspannung und psychologi
- Baird, B. et al. (2012): Inspired by Distraction: Mind Wandering Facilitates Creative Incubation. Psychological Science, 23(10), 1117–1122. Experimentelle Studie zur Frage, wie einfache Tätigkeiten und abschweifende Gedanken die kreative Problemlösung unt
- Bratman, G. N. et al. (2015): Nature experience reduces rumination and subgenual prefrontal cortex activation. Proceedings of the National Academy of Sciences, 112(28), 8567–8572. Experimentelle Studie zum Einfluss eines 90-minütigen Spaziergangs in natür
- Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Mentales Abschalten von der Arbeit als Erholungsindikator – Wirkungen, Einflussfaktoren und Gestaltungsansätze. Überblick über den Forschungsstand zur psychologischen Distanzierung von der Arbeit.