Coaching beim Spaziergang: Was eine neue Studie über Walk & Talk zeigt
Manchmal entstehen die besten Gespräche nicht gegenüber an einem Tisch. Sondern nebeneinander auf einem Weg.
Walk & Talk – also Gespräche während eines gemeinsamen Spaziergangs – wird auch im Coaching immer beliebter. Eine neue Studie liefert nun interessante Hinweise darauf, dass dabei nicht nur das Gehen eine Rolle spielen könnte. Auch die Umgebung scheint einen Unterschied zu machen.
Besonders spannend: In der Natur zeigten sich bei einigen psychologischen Messwerten günstigere Veränderungen als bei Gesprächen in Innenräumen oder bei einem Spaziergang durch die Stadt.
Was genau wurde untersucht?
Die im August 2026 im Fachjournal Frontiers in Psychology veröffentlichte Studie untersuchte 213 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Alter zwischen 14 und 74 Jahren.
Alle nahmen nacheinander an drei Sitzungen teil:
- einer klassischen Sitzung in einem Innenraum,
- einem Walk & Talk in städtischer Umgebung und
- einem Walk & Talk in der Natur.
Vor und nach jeder Sitzung wurden verschiedene psychologische und körperliche Werte erfasst. Dazu gehörten unter anderem Stimmung, Vitalität, negative Emotionen, Blutdruck und Herzfrequenz.
Wichtig dabei: Gegenstand der Untersuchung waren psychotherapeutische und psychologische Beratungsgespräche – nicht Coaching. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht eins zu eins auf Coaching übertragen. Für Walk-&-Talk-Coaching sind sie dennoch interessant, weil sie zeigen, welche Rolle Bewegung und Umgebung bei intensiven Gesprächen spielen könnten.
Mehr Vitalität beim Gespräch in der Natur
Das auffälligste Ergebnis zeigte sich bei der sogenannten Vitalität. Gemeint ist damit vereinfacht das Gefühl von Energie, Aktivität und Lebendigkeit.
Nach dem Walk & Talk in der Natur stieg dieser Wert stärker als nach den beiden anderen untersuchten Sitzungsformen.
Auch bei Niedergeschlagenheit zeigte sich ein Unterschied: Sie ging nach dem Gespräch in der Natur am stärksten zurück.
Bei negativen Gefühlen war das Bild etwas differenzierter. Sowohl nach der Sitzung im Raum als auch nach dem Walk & Talk in der Natur gingen sie stärker zurück als beim Spaziergang in städtischer Umgebung.
Die Studie liefert damit gerade keinen Beweis dafür, dass Gespräche draußen grundsätzlich besser sind. Sie deutet vielmehr darauf hin, dass unterschiedliche Gesprächsumgebungen mit unterschiedlichen kurzfristigen Reaktionen verbunden sein können.
Auch beim Blutdruck zeigte sich etwas Interessantes
Neben der Stimmung untersuchten die Forschenden auch körperliche Reaktionen.
Dabei stieg der Blutdruck während der Indoor-Sitzung im Durchschnitt etwas an. Bei beiden Walk-&-Talk-Varianten – in der Stadt und in der Natur – sank er dagegen leicht.
Das ist bemerkenswert. Allerdings lässt sich aus der Untersuchung nicht sagen, ob dafür die Bewegung, die Umgebung, das Gespräch oder die Kombination dieser Faktoren verantwortlich war.
Und genau diese Kombination macht Walk & Talk interessant.
Warum Gespräche beim Gehen anders sein können
Wer schon einmal ein längeres Gespräch während eines Spaziergangs geführt hat, kennt möglicherweise den Unterschied.
Man sitzt sich nicht direkt gegenüber. Beide bewegen sich in dieselbe Richtung. Es gibt keinen Tisch zwischen den Gesprächspartnern. Pausen wirken weniger ungewöhnlich, weil währenddessen immer noch etwas geschieht: Man geht weiter, schaut in die Landschaft oder bleibt kurz stehen.
Gerade bei Themen, bei denen jemand nachdenken, sortieren oder neue Perspektiven entwickeln möchte, kann ein solcher Rahmen angenehm sein.
Dazu kommt die körperliche Bewegung. Ein Coaching muss deshalb nicht zwangsläufig in einem Besprechungsraum stattfinden. Ein Weg durch einen Wald, entlang eines Flusses oder am Strand kann ebenfalls zum Gesprächsraum werden.
Ist Natur besser als ein Spaziergang durch die Stadt?
Die neue Studie liefert darauf keine einfache Antwort.
Bei einigen psychologischen Werten schnitt das Walk & Talk in der Natur besonders günstig ab. Das galt vor allem für Vitalität und Niedergeschlagenheit.
Bei den körperlichen Werten war die Situation weniger eindeutig. Der Blutdruck sank sowohl beim Spaziergang durch die Stadt als auch beim Walk & Talk in der Natur leicht.
Die Forschenden selbst warnen deshalb vor der einfachen Schlussfolgerung: „Natur ist immer besser.“
Das ist wissenschaftlich wichtig – und eigentlich auch für Coaching eine interessante Erkenntnis. Denn Menschen reagieren unterschiedlich auf ihre Umgebung. Der eine findet beim Blick aufs Meer Ruhe, die andere beim Gehen durch einen Wald. Manche denken besonders gut beim Wandern, andere auf einem ruhigen Weg durch einen Park.
Eine wichtige Einschränkung der Studie
Bei aller Begeisterung für Walk & Talk hat die Untersuchung einen entscheidenden methodischen Haken.
Die Reihenfolge der Sitzungen war bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern gleich:
- zuerst die Sitzung im Innenraum,
- danach das Walk & Talk in der Stadt,
- zum Schluss das Walk & Talk in der Natur.
Damit lässt sich nicht eindeutig feststellen, ob die gemessenen Unterschiede tatsächlich durch die Umgebung entstanden.
Möglicherweise spielte auch eine Rolle, dass sich die Teilnehmer im Verlauf der Sitzungen besser an ihre Gesprächspartner gewöhnten. Oder dass ein Beratungsprozess mit jeder Sitzung voranschreitet. Auch Gewöhnung an die Messungen oder Erwartungen an die unterschiedlichen Situationen können einen Einfluss gehabt haben.
Die Autoren sprechen deshalb bewusst von Zusammenhängen mit dem jeweiligen Setting und nicht von einem bewiesenen Ursache-Wirkungs-Effekt.
Was bedeutet die Studie für Walk-&-Talk-Coaching?
Zunächst einmal: Sie beweist nicht, dass Coaching in der Natur wirksamer ist als Coaching in einem Raum.
Dafür hätte ausdrücklich Coaching untersucht und die Reihenfolge der unterschiedlichen Settings zufällig verteilt werden müssen.
Die Ergebnisse liefern aber einen interessanten Hinweis: Der Ort eines intensiven Gesprächs ist möglicherweise mehr als nur Kulisse.
Bewegung, Umgebung und Gespräch bilden gemeinsam eine Situation. Und diese Situation kann beeinflussen, wie wir uns während und nach einem Gespräch fühlen.
Für Coaching ist das eine spannende Perspektive. Denn häufig geht es dort gerade darum, eingefahrene Gedanken zu verlassen, Abstand zu gewinnen oder eine Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Warum der Urlaub dafür besonders interessant sein kann
Im Alltag finden viele Gespräche zwischen Terminen statt. Der Kopf beschäftigt sich noch mit dem vergangenen Meeting und gleichzeitig schon mit dem nächsten Punkt auf der To-do-Liste.
Im Urlaub verändert sich dieser Rahmen.
Der gewohnte Schreibtisch ist weit weg. Termine treten in den Hintergrund. Dazu kommen neue Wege, Landschaften und Eindrücke.
Ein Coaching während eines Spaziergangs verbindet diesen Ortswechsel mit einem bewussten Gespräch. Statt für eine Stunde wieder in einen Konferenzraum zurückzukehren, kann das Coaching dort stattfinden, wo der Urlaub ohnehin stattfindet: draußen.
Am Meer. Im Wald. In den Bergen. In der Heide. Oder einfach auf einem ruhigen Weg durch die Umgebung.
Manche Gedanken brauchen Bewegung
Die neue Studie liefert keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass wir unsere wichtigsten Entscheidungen am besten bei einem Waldspaziergang treffen.
Aber sie macht etwas deutlich, das für Coaching spannend ist: Es lohnt sich, den Raum mitzudenken, in dem ein Gespräch stattfindet.
Bei den untersuchten Sitzungen waren Walk & Talk und insbesondere das Gespräch in der Natur bei einigen kurzfristigen psychologischen Veränderungen mit günstigen Ergebnissen verbunden.
Vielleicht muss man deshalb nicht jedes wichtige Gespräch im Sitzen führen.
Manchmal kann es helfen, einfach loszugehen.