Warum Urlaub gut tut – und wie wir mehr davon mit in den Alltag nehmen
Der Urlaub ist vorbei – und die Erholung gleich mit?
Man kennt das: Zwei Wochen Urlaub, endlich Abstand, vielleicht Meer, Berge oder einfach ein anderer Rhythmus. Man schläft besser, denkt weniger an die Arbeit und manches Problem erscheint plötzlich nicht mehr ganz so groß.
Dann kommt der Montag.
Das E-Mail-Postfach ist voll, die ersten Termine stehen an und erstaunlich schnell fühlt sich der Urlaub weit entfernt an.
Ist Urlaub also nur eine kurze Unterbrechung, deren Wirkung nach wenigen Tagen verpufft? Die Forschung beschäftigt sich schon lange mit dieser Frage. Und neuere Ergebnisse zeichnen ein interessanteres Bild, als man zunächst vermuten könnte.
Die ältere Forschung: Urlaub macht nicht automatisch dauerhaft glücklicher
Eine häufig zitierte Untersuchung stammt vom niederländischen Tourismusforscher Jeroen Nawijn. Über zwei Jahre wurden 3.650 Menschen regelmäßig zu Reisen und ihrem Wohlbefinden befragt.
Das Ergebnis war zunächst ernüchternd: Menschen, die Urlaub machten, berichteten zwar etwas mehr positive und weniger negative Gefühle. Bei der allgemeinen Lebenszufriedenheit zeigte sich jedoch kein entsprechender Unterschied. Auch häufigeres oder längeres Verreisen machte die Teilnehmer nicht automatisch langfristig glücklicher.
Andere Untersuchungen aus dieser Zeit kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2009 fand positive Auswirkungen von Urlaub auf Gesundheit und Wohlbefinden, stellte aber zugleich fest, dass diese nach der Rückkehr zur Arbeit relativ schnell wieder abnahmen.
Die naheliegende Schlussfolgerung lautete lange: Urlaub tut gut – aber leider nicht besonders lange.
Neue Forschung: Urlaub wirkt offenbar stärker als gedacht
Inzwischen gibt es deutlich mehr Forschung zu diesem Thema. Und damit verändert sich das Bild.
2025 veröffentlichten Ryan Grant, Beth Buchanan und Kristen Shockley im renommierten Journal of Applied Psychology eine neue Meta-Analyse. Dafür werteten sie 32 Studien mit insgesamt 256 Effektstärken aus.
Ihr Ergebnis widerspricht der Vorstellung vom nahezu wirkungslosen Kurzzeit-Hoch: Urlaub hatte einen deutlichen positiven Effekt auf das Wohlbefinden. Und dieser Effekt verschwand nach der Rückkehr nicht so schnell, wie ältere Forschungsarbeiten vermuten ließen.
Urlaub ist demnach durchaus eine wirksame Möglichkeit, sich von beruflichen Belastungen zu erholen.
Allerdings gibt es einen entscheidenden Punkt: Nicht jeder Urlaub wirkt gleich.
Entscheidend ist nicht nur, dass wir Urlaub machen
Die Forscher untersuchten deshalb auch, welche Urlaubserfahrungen mit einem höheren Wohlbefinden zusammenhängen.
Besonders interessant waren zwei Faktoren: psychologische Distanz zur Arbeit und körperliche Aktivität.
Psychologische Distanz bedeutet mehr als nur, nicht am Arbeitsplatz zu sein. Man kann schließlich am Strand liegen und gedanklich trotzdem im Büro sitzen.
Wer ständig berufliche Nachrichten liest, über ungelöste Probleme nachdenkt oder innerlich bereits die Rückkehr vorbereitet, ist zwar geografisch verreist – mental aber möglicherweise noch bei der Arbeit.
Erholung scheint besser zu funktionieren, wenn es gelingt, auch im Kopf Abstand zu gewinnen.
Daneben zeigte sich körperliche Aktivität als besonders interessant. Das muss keineswegs Leistungssport bedeuten. Wandern, Radfahren, Schwimmen oder längere Spaziergänge können dazugehören.
Eine Untersuchung mit Urlaubern in Osttirol liefert dazu passende Ergebnisse. Nach einer einwöchigen Auszeit mit regelmäßiger moderater Bewegung verbesserten sich bei den untersuchten Teilnehmern unter anderem Wohlbefinden, Erholungswerte und Schlafqualität.
Warum uns im Urlaub manchmal die besten Gedanken kommen
Vielleicht erklärt das auch eine Erfahrung, die viele Menschen kennen: Eine Frage beschäftigt uns seit Monaten. Wir haben darüber nachgedacht, Listen geschrieben und mit anderen gesprochen. Eine Lösung finden wir trotzdem nicht.
Und dann gehen wir irgendwo im Urlaub spazieren – und plötzlich sehen wir die Sache anders.
Das bedeutet nicht, dass Urlaub automatisch Probleme löst. Aber die Rahmenbedingungen verändern sich. Gewohnte Abläufe fallen weg. Die unmittelbaren Anforderungen des Alltags treten in den Hintergrund. Wir bewegen uns in einer anderen Umgebung und gewinnen Abstand.
Damit kann ein Raum entstehen, in dem andere Fragen möglich werden.
Nicht nur: Wie bekomme ich das alles erledigt?
Sondern vielleicht: Will ich das überhaupt noch so?
Urlaub nicht nur zur Pause, sondern zur Standortbestimmung nutzen
Genau hier liegt auch die Idee hinter HolidayCoaching.
HolidayCoaching soll aus einem Urlaub kein Seminar machen. Im Gegenteil. Der Urlaub bleibt Urlaub.
Aber wer ohnehin Abstand vom Alltag gewonnen hat, kann einen kleinen Teil dieser Zeit bewusst nutzen. Zum Beispiel für ein Gespräch bei einem Spaziergang, in einem Café oder draußen in der Natur.
Dabei kann es um berufliche Entscheidungen gehen, um Veränderungen, Beziehungen, persönliche Ziele oder um eine Frage, die im Alltag immer wieder vertagt wird.
Der mögliche Vorteil liegt nicht darin, dass Coaching im Urlaub wissenschaftlich erwiesen „besser“ wäre als Coaching zu Hause. Dafür gibt es bislang keine belastbare Forschung.
Der Gedanke ist ein anderer: Einige Bedingungen, die Forschung mit guter Erholung verbindet, sind im Urlaub ohnehin vorhanden oder leichter herzustellen – Abstand von der Arbeit, Bewegung, eine andere Umgebung und weniger Alltagsroutine.
Das kann ein guter Zeitpunkt sein, um genauer hinzuschauen.
Die entscheidende Frage kommt nach dem Urlaub
Erholung allein verändert den Alltag noch nicht.
Wenn nach der Rückkehr alles genauso weiterläuft wie vorher, kehren meist auch die alten Routinen zurück. Deshalb könnte eine wichtigere Frage lauten: Was möchte ich aus dieser Auszeit mitnehmen?
Das kann etwas sehr Kleines sein.
Ein Spaziergang ohne Smartphone. Ein Abend pro Woche ohne berufliche E-Mails. Eine Entscheidung, die nicht länger vertagt wird. Mehr Bewegung. Eine klarere Grenze gegenüber der Arbeit. Oder die Erkenntnis, dass ein größeres Thema tatsächlich verändert werden sollte.
Der Urlaub muss deshalb nicht zum Selbstoptimierungsprojekt werden. Niemand muss zwischen Frühstücksbuffet und Strandbesuch an seiner Persönlichkeit arbeiten.
Aber manchmal entsteht gerade dann, wenn wir nichts müssen, die Gelegenheit, über Dinge nachzudenken, für die im Alltag kein Platz bleibt.
Vielleicht ist das der nachhaltigste Teil einer Reise
Die aktuelle Forschung liefert gute Gründe, Urlaub ernst zu nehmen. Nicht als Luxus und nicht nur als nette Unterbrechung, sondern als wichtige Phase der Erholung.
Gleichzeitig zeigt sie, dass es darauf ankommt, wie wir diese Zeit verbringen. Mentales Abschalten und Bewegung scheinen dabei besonders hilfreich zu sein.
Und vielleicht lässt sich noch etwas anderes aus dem Urlaub mitnehmen: ein klarerer Blick auf das eigene Leben.
Denn manchmal brauchen wir nicht sofort eine Antwort.
Manchmal brauchen wir zuerst genügend Abstand, um wieder die richtige Frage zu stellen.
Häufig gestellte Fragen
Quellen
- Grant, R. S., Buchanan, B. E. & Shockley, K. M. (2025). I need a vacation: A meta-analysis of vacation and employee well-being. Journal of Applied Psychology, 110(7), 887–905. Meta-Analyse von 32 Studien und 256 Effektstärken. Die Autoren kommen zu dem Er
- Nawijn, J. (2011). Happiness Through Vacationing: Just a Temporary Boost or Long-Term Benefits? Journal of Happiness Studies, 12, 651–665. Längsschnittuntersuchung mit 3.650 niederländischen Teilnehmern über zwei Jahre. Urlauber zeigten etwas günstigere e
- Brosch, E.-K., Binnewies, C., Gröning, C. & Forthmann, B. (2024). The role of general work engagement and well-being for vacation effects and for vacation fade-out. Applied Psychology. Die Längsschnittstudie untersuchte Beschäftigte vor, während und nach
- Winklmayr, C. et al. (2022). Effects of a one-week vacation with various activity programs on well-being, heart rate variability, and sleep quality in healthy vacationers. BMC Public Health. In der Studie verbrachten 52 Personen eine Woche Urlaub mit rege